Welche Herausforderungen sind das, mit denen die Branche aktuell zu tun hat?
JK: Nachhaltigkeit nicht mehr nur als Worthülse, als Einkauf von Zertifizierungen zu verstehen. Architekturbüros müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und überlegen: Was bauen wir? Was bedeutet Kreislauffähigkeit? Wie steht mein Gebäude nicht nur in zehn Jahren, sondern auch in 50 oder 100 Jahren da? Mit dem Gedanken der Langlebigkeit sind wir dann wieder zurück beim Vitruv-Prinzip: der Einforderung einer Schönheit und einer Dauerhaftigkeit. Das wurde schon vor über 2000 Jahren postu- liert und ist immer noch aktuell. Es ist ja nur logisch und vernünftig, dass das, was ich baue, auch in 50 Jahren noch den Menschen gefällt, hält oder zumindest reparier- und demontierbar bleibt. Dabei muss man auch Trends hinterfragen: Holzbau ist zum Beispiel trotz vieler Vorteile nicht zwingend die bessere Variante. Nicht nur Holz und Lehm können nachhaltig sein. Da sollten wir wieder breiter und offener denken. Max Hacke und Gustav Düsing haben mit dem Studierendenhaus in Braunschweig gezeigt, wie nachhaltig ein Stahlleichtbau sein kann, den ich wie ein Möbelsystem wieder komplett abbauen kann.
Auch Backstein ist so ein modularer Baustoff: Man hat ein Element, das sich millionenfach kombinieren lässt. Das sehen wir vom Bauen im Bestand bis zum Neubau in der Vielfalt der ausgezeichneten Projekte beim Erich-Mendelsohn-Preis. Und es ist ein schönes Material: Wenn man in die norddeutschen Backstein- Städte wie Hamburg, Bremen oder Lübeck blickt, spürt man eine Schönheit, die Bestand hat.