Expert panel selects the best brick buildings
The jury for the Erich Mendelsohn Award 2026 for Brick Architecture has been announced. In early July, the five members of the main jury will convene in Berlin to decide on this year’s awards: Max...
Jeanette Kunsmann erklärt im Interview, warum der Architekturdiskurs nicht in den Elfenbeinturm gehört, wie Architekturpreise positive Impulse schaffen und warum die schönsten öffentlichen Räume diejenigen sind, an denen man mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren kann.
Sie sind ausgebildete Architektin, haben sich aber für das Schreiben entschieden. Warum haben Sie diesen Zugang zur Architektur gewählt?
Jeanette Kunsmann (JK): Was mich in meiner publizistischen Arbeit begleitet, ist der Wunsch, Architektur so zu vermitteln, dass sie nicht nur für Fachzielgruppen interessant ist, sondern sich auch für alle anderen erschließt. Ich finde es schade, dass in der Gesellschaft so wenig über die Protagonisten und ihre Ideen hinter der Architektur bekannt ist. Als die James-Simon-Galerie in Berlin eröffnet wurde, berichtete zwar die Tagesschau, aber das Architekturbüro wurde nicht einmal genannt – und da reden wir von David Chipperfield, einem der „berühmtesten Architekten Berlins“. In anderen Branchen würde das nie passieren: Einen Film ohne RegisseurIn oder ein Buch ohne AutorIn zu nennen, wäre undenkbar. In Deutschland rückt Architektur oft erst ins öffentliche Interesse, wenn Baukosten explodieren oder ein Projekt ästhetisch umstritten ist. Mich interessieren zwar auch die Fachfragen, aber der Diskurs über Architektur und ihre Herausforderungen gehört nicht in den Elfenbeinturm. Architektur ist für uns alle, für Menschen.
Welche Herausforderungen sind das, mit denen die Branche aktuell zu tun hat?
JK: Nachhaltigkeit nicht mehr nur als Worthülse, als Einkauf von Zertifizierungen zu verstehen. Architekturbüros müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und überlegen: Was bauen wir? Was bedeutet Kreislauffähigkeit? Wie steht mein Gebäude nicht nur in zehn Jahren, sondern auch in 50 oder 100 Jahren da? Mit dem Gedanken der Langlebigkeit sind wir dann wieder zurück beim Vitruv-Prinzip: der Einforderung einer Schönheit und einer Dauerhaftigkeit. Das wurde schon vor über 2000 Jahren postuliert und ist immer noch aktuell. Es ist ja nur logisch und vernünftig, dass das, was ich baue, auch in 50 Jahren noch den Menschen gefällt, hält oder zumindest reparier- und demontierbar bleibt. Dabei muss man auch Trends hinterfragen: Holzbau ist zum Beispiel trotz vieler Vorteile nicht zwingend die bessere Variante. Nicht nur Holz und Lehm können nachhaltig sein. Da sollten wir wieder breiter und offener denken. Max Hacke und Gustav Düsing haben mit dem Studierendenhaus in Braunschweig gezeigt, wie nachhaltig ein Stahlleichtbau sein kann, den ich wie ein Möbelsystem wieder komplett abbauen kann.
Auch Backstein ist so ein modularer Baustoff: Man hat ein Element, das sich millionenfach kombinieren lässt. Das sehen wir vom Bauen im Bestand bis zum Neubau in der Vielfalt der ausgezeichneten Projekte beim Erich-Mendelsohn-Preis. Und es ist ein schönes Material: Wenn man in die norddeutschen Backstein-Städte wie Hamburg, Bremen oder Lübeck blickt, spürt man eine Schönheit, die Bestand hat.
Wie stehen Sie zu dem Begriff der Schönheit?
JK: Während meines Studiums 2002 bis 2009 war es noch verpönt zu sagen: Architektur ist schön. Alles war sehr im Korsett der Moderne gedacht. Aber wir Menschen tragen ein intuitives Empfinden für Schönheit in uns. Der Anspruch an Schönheit zeigt sich schon, wenn ein Kind ein Bild malt – den sollte man auch haben, wenn man ein Haus entwirft. Das ist vielleicht in der Architektur zwischendurch etwas verloren gegangen. Trotzdem muss man definieren können, was Schönheit ist. Philosophisch betrachtet, gilt sie als Form von Angemessenheit. Ganz praktisch: Wie viel Material habe ich verwendet? Passt der Raum zur Nutzung? Habe ich eine laute Skulptur in den Stadtraum gestellt oder habe ich ein Gebäude geschaffen, das mehr bietet und Menschen miteinander verbindet? Ich finde es immer schön zu sehen, wie Leute Architektur benutzen und welche Ecken sie finden, die vielleicht anders gedacht waren, aber die etwas Neues zulassen. Architektur sollte eine Einladung sein, bewohnt und benutzt zu werden. Die Gedanken der Moderne, wie Le Corbusier sie hatte, greifen beim Thema Schönheit also aus meiner Sicht zu kurz: Dieser Stuhl muss an dieser bestimmten Stelle stehen und nichts darf verrückt werden, weil Architektur eigentlich ein Kunstwerk und keine Dienstleistung für die Gesellschaft ist? Ich denke, im besten Falle ist sie beides: Sie hat einen künstlerischen Wert, aber ist trotzdem in erster Linie für den Menschen gemacht. Ein öffentlicher Platz zum Beispiel wird erst interessant, wenn er belebt ist und man den Menschen als Maßstab nimmt, sieht was möglich ist.
Sollte man mehr Menschen in Architekturfotos sehen?
JK: Ich verstehe, warum viele die typischen nackten Architekturfotos lieben. Es bedient das ArchitektInnenherz, wenn noch niemand eingezogen ist und alles so aussieht wie im Modell. Iwan Baan, der aus der Dokumentarfotografie kommt, hat mit seinen Fotos, die Menschen in alltäglichen Situationen in und um Gebäude zeigen, Mitte der 2000er-Jahre das Ganze auf den Kopf gestellt. Er zeigt einen anderen Blick auf Architektur, der auch schön und erzählerisch sein darf. Architekturbüros bestimmen selbst die Haltung, wie über ein Gebäude berichtet wird: MVRDV haben früh damit angefangen, Wohnungen belebt zu zeigen und auch bei lacaton & vassal sieht man Menschen auf Loggien. Das ist gerade bei größeren Wohnungsbauten sinnvoll, bei denen es eine architektonische Konformität gibt. Die Architekten haben eine Struktur geschaffen, die Möglichkeiten bietet, und jeder, der dort lebt, kann sie individuell anpassen, jeder entscheidet selbst, wie er wohnen möchte. Dann ist ein Foto, das diese verschiedenen Optionen zeigt, der Best Case – auch wenn es dann vielleicht weniger nach Genius aussieht.
Sie haben öffentliche Plätze angesprochen. Wie sieht schöner Städtebau aus, der von Menschen angenommen wird?
JK: Gelungene öffentliche Räume findet man zum Beispiel in Paris, Kopenhagen oder Rotterdam. Sie haben gemeinsam, dass sie sich politisch bewusst gegen die Dominanz der Autos in den Städten stellen. Das haben wir uns viel zu lange gefallen lassen. Auch Düsseldorf hat sich erfolgreich sein Rheinufer zurückerobert und den Verkehr unterirdisch gelegt. Einer meiner Lieblingsplätze in Berlin ist das Tempelhofer Feld. Dort wurde mit wenig Aufwand viel Freiraum geschaffen. Es gibt zum Beispiel gar nicht so viele Bänke, aber es ist immer für jeden genug Platz da – und dadurch sind alle entspannt. Jeder kennt ja das Flugzeugphänomen: Alle haben einen Sitzplatz, trotzdem sind alle gestresst, weil es so eng ist. Das Tempelhofer Feld ist das Gegenbeispiel: Jeder kann für sich den Raum beanspruchen, den er gerade braucht. Man kann auf der kilometerlangen, schnurgeraden Startbahn Kiten, Skaten, Spazieren und sogar mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren, wenn man möchte. Das lässt sich nicht 1:1 auf den städtischen Kontext übertragen, aber man sieht zum Beispiel an Paris, wie man sich auf einen anderen Weg begibt. In Berlin gibt es gerade sehr viel Straßenbau – dabei wollen wir doch eigentlich das Gegenteil: entsiegeln und mehr Grünräume schaffen.
Der Freiraum wird in der Stadt also eigentlich zum Luxus…
JK: Ja, und das ist viel mehr Wert als der kleine private Garten. Das deutsche Wunschbild vom Einfamilienhaus mit Parzelle ist ja immer noch weit verbreitet. Aber ist das wirklich das große Ziel? Habe ich als Familie in gemeinsamen öffentlichen Räumen nicht ganz andere Möglichkeiten? Dort hat man nicht nur mehr Fläche, sondern auch mehr Gemeinschaft: Kinder schließen sich zusammen, Familien treffen sich, vielleicht gibt es einen Fußball- und Basketballplatz und Orte, an denen ich in Ruhe Fahrrad fahren lernen kann. Mit Entscheidung für die Großstadt nimmt man eine gewisse Dichte in Kauf, es braucht aber auch Orte mit Freiräumen. Gerade Jugendliche sind eine Gruppe, die oft vergessen wird, obwohl das für die Persönlichkeitsentwicklung vier bis fünf wichtige Jahre sind. Pöbeln und Anecken im öffentlichen Raum ist ein ganz normaler Moment ihrer Entwicklung. Die Frage ist: Wie geht man damit um? Unser öffentlicher Raum ist ausgelegt auf Funktionalität und bietet darüber hinaus oft wenig – und dann besetzen Jugendliche eben Spielplätze oder Bushaltestellen. Es fehlt leider oft an geeigneten Orten für Jugendliche, in der Stadt wie auf dem Land. Und eigentlich wollen wir ja, dass sie nicht so viel Zeit am Handy, sondern draußen verbringen.
Wie schafft man es, dass die reale Welt schöner ist als die virtuelle?
JK: Sie muss Anreize schaffen: Mehr Angebote für Kinder und Jugendliche sind Orte, die sie sich aneignen können, an denen sie sich Sachen überlegen können. Parkouranlagen sind ein gutes Beispiel dafür. Kinder sehen die Stadt mit anderen Augen und wollen in ihrem Maßstab daran partizipieren. Wir brauchen einen tollen öffentlichen Raum mit echtem, ehrlichem Material wie Backstein, einer guten Akustik und geschützten Windecken. Mehr Fußballplätze, mehr Basketballplätze, mehr Skateplätze. Es braucht viel mehr konsumfreie Orte, funktionierende Fahrradwege. Und ich persönlich würde mir ja noch mehr öffentliche Tennisplätze wünschen. Auch gesundheitlich wäre das ein riesiger Mehrwert. Leider wird dieser Wert selten gegengerechnet, dabei bedeutet eine Investition in eine Nachbarschaft eine Wertanlage, die auch die Wohnungen im Umfeld attraktiver machen.
Die Jugend liegt Ihnen am Herzen. Ist das auch der Grund warum sich die DETAIL die Nachwuchsförderung auf die Fahnen geschrieben hat und Sie beim Erich-Mendelsohn-Preis 2026 Mitglied der Newcomer- Jury sind?
JK: Auszeichnungen wie der Erich-Mendelsohn-Preis schaffen positive Impulse für die nächste Generation. Das ist essenziell im Hinblick auf die Herausforderungen, vor der die ganze Branche steht. Und Studierende sind oft offener. Es gibt natürlich auch für sie Parameter, die sie beachten müssen, aber trotzdem sind sie befreiter von den Zwängen eines Berufslebens. Das Architekturbüro ist ein Unternehmen mit Kosten für Mitarbeitende, Miete etc. und muss Geld verdienen. Der Nachwuchs hat einen freieren Blick und die Möglichkeit, mutig zu sein. Das ist die Wirkungsmacht der jungen Generation, von der die etablierten Büros lernen und sich durch sie vielleicht an die Zeit zurückerinnern können, als sie selbst diese Leichtigkeit und Gelassenheit hatten. Ich finde als Jurymitglied den Überraschungseffekt der Einreichungen immer spannend und bin neugierig auf mutige, experimentelle Ideen und Ansätze.
Gerade beim Newcomer-Award gibt es ja viele Einreichungen von Projekten, die nicht gebaut sind. Diese sollen nicht in der Schublade verschwinden, sondern gewürdigt werden. Und vielleicht schafft man es durch so einen Preis sogar, dass sich der Entwurf doch durchsetzt: Entweder es findet sich jemand, der es bauen möchte, oder es bestärkt ArchitektInnen, den Ansatz in ihrer Karriere weiterzuverfolgen. Und in der Newcomer-Jury hat niemand Vorwissen, es sind Projekte, die niemand aus der Jury schon kennt. Ich freue mich auf die Diskussionen.