Newcomer-Award 2026

Architektur als Einladung

Jeanette Kunsmann erklärt im Interview, warum der Architekturdiskurs nicht in den Elfenbeinturm gehört, wie Architekturpreise positive Impulse schaffen und warum die schönsten öffentlichen Räume diejenigen sind, an denen man mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren kann.

Jeanette Kunsmann ist Chefredakteurin der DETAIL und Jury-Mitglied des Newcomer-Awards beim Erich-Mendelsohn-Preis 2026 für Backstein-Architektur

Sie sind ausgebildete Architektin, haben sich aber für das Schreiben entschieden. Warum haben Sie diesen Zugang zur Architektur gewählt? 

Jeanette Kunsmann (JK): Was mich in meiner publizistischen Arbeit begleitet, ist der Wunsch, Architektur so zu vermitteln, dass sie nicht nur für Fachzielgruppen interessant ist, sondern sich auch für alle anderen erschließt. Ich finde es schade, dass in der Gesellschaft so wenig über die Protagonisten und ihre Ideen hinter der Architektur bekannt ist. Als die James-Simon-Galerie in Berlin eröffnet wurde, berichtete zwar die Tagesschau, aber das Architekturbüro wurde nicht einmal genannt – und da reden wir von David Chipperfield, einem der „berühmtesten Architekten Berlins“. In anderen Branchen würde das nie passieren: Einen Film ohne Regisseur- In oder ein Buch ohne AutorIn zu nennen, wäre undenkbar. In Deutschland rückt Architektur oft erst ins öffentliche Interesse, wenn Baukosten explodieren oder ein Projekt ästhetisch umstritten ist. Mich interessieren zwar auch die Fachfragen, aber der Diskurs über Architektur und ihre Herausforderungen gehört nicht in den Elfenbeinturm. Architektur ist für uns alle, für Menschen.

Wie stehen Sie zu dem Begriff der Schönheit? 

JK: Während meines Studiums 2002 bis 2009 war es noch verpönt zu sagen: Architektur ist schön. Alles war sehr im Korsett der Moderne gedacht. Aber wir Menschen tragen ein intuitives Empfinden für Schönheit in uns. Der Anspruch an Schönheit zeigt sich schon, wenn ein Kind ein Bild malt – den sollte man auch haben, wenn man ein Haus entwirft. Das ist vielleicht in der Architektur zwischendurch etwas verloren gegangen. Trotzdem muss man definieren können, was Schönheit ist. Philosophisch betrachtet, gilt sie als Form von Angemessenheit. Ganz praktisch: Wie viel Material habe ich verwendet? Passt der Raum zur Nutzung? Habe ich eine laute Skulptur in den Stadtraum gestellt oder habe ich ein Gebäude geschaffen, das mehr bietet und Menschen miteinander verbindet? Ich finde es immer schön zu sehen, wie Leute Architektur benutzen und welche Ecken sie finden, die vielleicht anders gedacht waren, aber die etwas Neues zulassen. Architektur sollte eine Einladung sein, bewohnt und benutzt zu werden. Die Gedanken der Moderne, wie Le Corbusier sie hatte, greifen beim Thema Schönheit also aus meiner Sicht zu kurz: Dieser Stuhl muss an dieser bestimmten Stelle stehen und nichts darf verrückt werden, weil Architektur eigentlich ein Kunstwerk und keine Dienstleistung für die Gesellschaft ist? Ich denke, im besten Falle ist sie beides: Sie hat einen künstlerischen Wert, aber ist trotzdem in erster Linie für den Menschen gemacht. Ein öffentlicher Platz zum Beispiel wird erst interessant, wenn er belebt ist und man den Menschen als Maßstab nimmt, sieht was möglich ist.

Sie haben öffentliche Plätze angesprochen. Wie sieht schöner Städtebau aus, der von Menschen angenommen wird? 

JK: Gelungene öffentliche Räume findet man zum Beispiel in Paris, Kopenhagen oder Rotterdam. Sie haben gemeinsam, dass sie sich politisch bewusst gegen die Dominanz der Autos in den Städten stellen. Das haben wir uns viel zu lange gefallen lassen. Auch Düsseldorf hat sich erfolgreich sein Rheinufer zurückerobert und den Verkehr unterirdisch gelegt. Einer meiner Lieblingsplätze in Berlin ist das Tempelhofer Feld. Dort wurde mit wenig Aufwand viel Freiraum geschaffen. Es gibt zum Beispiel gar nicht so viele Bänke, aber es ist immer für jeden genug Platz da – und dadurch sind alle entspannt. Jeder kennt ja das Flugzeugphänomen: Alle haben einen Sitzplatz, trotzdem sind alle gestresst, weil es so eng ist. Das Tempelhofer Feld ist das Gegenbeispiel: Jeder kann für sich den Raum beanspruchen, den er gerade braucht. Man kann auf der kilometerlangen, schnurgeraden Startbahn Kiten, Skaten, Spazieren und sogar mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren, wenn man möchte. Das lässt sich nicht 1:1 auf den städtischen Kontext übertragen, aber man sieht zum Beispiel an Paris, wie man sich auf einen anderen Weg begibt. In Berlin gibt es gerade sehr viel Straßenbau – dabei wollen wir doch eigentlich das Gegenteil: entsiegeln und mehr Grünräume schaffen.

Wie schafft man es, dass die reale Welt schöner ist als die virtuelle? 

JK: Sie muss Anreize schaffen: Mehr Angebote für Kinder und Jugendliche sind Orte, die sie sich aneignen können, an denen sie sich Sachen überlegen können. Parkouranlagen sind ein gutes Beispiel dafür. Kinder sehen die Stadt mit anderen Augen und wollen in ihrem Maßstab daran partizipieren. Wir brauchen einen tollen öffentlichen Raum mit echtem, ehrlichem Material wie Backstein, einer guten Akustik und geschützten Windecken. Mehr Fußballplätze, mehr Basketballplätze, mehr Skateplätze. Es braucht viel mehr konsumfreie Orte, funktionierende Fahrradwege. Und ich persönlich würde mir ja noch mehr öffentliche Tennisplätze wünschen. Auch gesundheitlich wäre das ein riesiger Mehrwert. Leider wird dieser Wert selten gegengerechnet, dabei bedeutet eine Investition in eine Nachbarschaft eine Wertanlage, die auch die Wohnungen im Umfeld attraktiver machen.