Wie stehen Sie zu dem Begriff der Schönheit?
JK: Während meines Studiums 2002 bis 2009 war es noch verpönt zu sagen: Architektur ist schön. Alles war sehr im Korsett der Moderne gedacht. Aber wir Menschen tragen ein intuitives Empfinden für Schönheit in uns. Der Anspruch an Schönheit zeigt sich schon, wenn ein Kind ein Bild malt – den sollte man auch haben, wenn man ein Haus entwirft. Das ist vielleicht in der Architektur zwischendurch etwas verloren gegangen. Trotzdem muss man definieren können, was Schönheit ist. Philosophisch betrachtet, gilt sie als Form von Angemessenheit. Ganz praktisch: Wie viel Material habe ich verwendet? Passt der Raum zur Nutzung? Habe ich eine laute Skulptur in den Stadtraum gestellt oder habe ich ein Gebäude geschaffen, das mehr bietet und Menschen miteinander verbindet? Ich finde es immer schön zu sehen, wie Leute Architektur benutzen und welche Ecken sie finden, die vielleicht anders gedacht waren, aber die etwas Neues zulassen. Architektur sollte eine Einladung sein, bewohnt und benutzt zu werden. Die Gedanken der Moderne, wie Le Corbusier sie hatte, greifen beim Thema Schönheit also aus meiner Sicht zu kurz: Dieser Stuhl muss an dieser bestimmten Stelle stehen und nichts darf verrückt werden, weil Architektur eigentlich ein Kunstwerk und keine Dienstleistung für die Gesellschaft ist? Ich denke, im besten Falle ist sie beides: Sie hat einen künstlerischen Wert, aber ist trotzdem in erster Linie für den Menschen gemacht. Ein öffentlicher Platz zum Beispiel wird erst interessant, wenn er belebt ist und man den Menschen als Maßstab nimmt, sieht was möglich ist.
Sollte man mehr Menschen in Architekturfotos sehen?
JK: Ich verstehe, warum viele die typischen nackten Architekturfotos lieben. Es bedient das ArchitektInnenherz, wenn noch niemand eingezogen ist und alles so aussieht wie im Modell. Iwan Baan, der aus der Dokumentarfotografie kommt, hat mit seinen Fotos, die Menschen in alltäglichen Situationen in und um Gebäude zeigen, Mitte der 2000er-Jahre das Ganze auf den Kopf gestellt. Er zeigt einen anderen Blick auf Architektur, der auch schön und erzählerisch sein darf. Architekturbüros bestimmen selbst die Haltung, wie über ein Gebäude berichtet wird: MVRDV haben früh damit angefangen, Wohnungen belebt zu zeigen und auch bei lacaton & vassal sieht man Menschen auf Loggien. Das ist gerade bei größeren Wohnungsbauten sinnvoll, bei denen es eine architektonische Konformität gibt. Die Architekten haben eine Struktur geschaffen, die Möglichkeiten bietet, und jeder, der dort lebt, kann sie individuell anpassen, jeder entscheidet selbst, wie er wohnen möchte. Dann ist ein Foto, das diese verschiedenen Optionen zeigt, der Best Case – auch wenn es dann vielleicht weniger nach Genius aussieht.