Newcomer-Award 2026

Architektur als Einladung

Jeanette Kunsmann erklärt im Interview, warum der Architekturdiskurs nicht in den Elfenbeinturm gehört, wie Architekturpreise positive Impulse schaffen und warum die schönsten öffentlichen Räume diejenigen sind, an denen man mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren kann.

Jeanette Kunsmann ist Chefredakteurin der DETAIL und Jury-Mitglied des Newcomer-Awards beim Erich-Mendelsohn-Preis 2026 für Backstein-Architektur.

Welche Herausforderungen sind das, mit denen die Branche aktuell zu tun hat? 

JK: Nachhaltigkeit nicht mehr nur als Worthülse, als Einkauf von Zertifizierungen zu verstehen. Architekturbüros müssen sich ihrer Verantwortung bewusst werden und überlegen: Was bauen wir? Was bedeutet Kreislauffähigkeit? Wie steht mein Gebäude nicht nur in zehn Jahren, sondern auch in 50 oder 100 Jahren da? Mit dem Gedanken der Langlebigkeit sind wir dann wieder zurück beim Vitruv-Prinzip: der Einforderung einer Schönheit und einer Dauerhaftigkeit. Das wurde schon vor über 2000 Jahren postuliert und ist immer noch aktuell. Es ist ja nur logisch und vernünftig, dass das, was ich baue, auch in 50 Jahren noch den Menschen gefällt, hält oder zumindest reparier- und demontierbar bleibt. Dabei muss man auch Trends hinterfragen: Holzbau ist zum Beispiel trotz vieler Vorteile nicht zwingend die bessere Variante. Nicht nur Holz und Lehm können nachhaltig sein. Da sollten wir wieder breiter und offener denken. Max Hacke und Gustav Düsing haben mit dem Studierendenhaus in Braunschweig gezeigt, wie nachhaltig ein Stahlleichtbau sein kann, den ich wie ein Möbelsystem wieder komplett abbauen kann.

Auch Backstein ist so ein modularer Baustoff: Man hat ein Element, das sich millionenfach kombinieren lässt. Das sehen wir vom Bauen im Bestand bis zum Neubau in der Vielfalt der ausgezeichneten Projekte beim Erich-Mendelsohn-Preis. Und es ist ein schönes Material: Wenn man in die norddeutschen Backstein-Städte wie Hamburg, Bremen oder Lübeck blickt, spürt man eine Schönheit, die Bestand hat.

Das Grand Palais Cinema von Antonio Virga Architecte stellt verloren gegangene städtische Qualität wieder her.

Sie haben öffentliche Plätze angesprochen. Wie sieht schöner Städtebau aus, der von Menschen angenommen wird? 

JK: Gelungene öffentliche Räume findet man zum Beispiel in Paris, Kopenhagen oder Rotterdam. Sie haben gemeinsam, dass sie sich politisch bewusst gegen die Dominanz der Autos in den Städten stellen. Das haben wir uns viel zu lange gefallen lassen. Auch Düsseldorf hat sich erfolgreich sein Rheinufer zurückerobert und den Verkehr unterirdisch gelegt. Einer meiner Lieblingsplätze in Berlin ist das Tempelhofer Feld. Dort wurde mit wenig Aufwand viel Freiraum geschaffen. Es gibt zum Beispiel gar nicht so viele Bänke, aber es ist immer für jeden genug Platz da – und dadurch sind alle entspannt. Jeder kennt ja das Flugzeugphänomen: Alle haben einen Sitzplatz, trotzdem sind alle gestresst, weil es so eng ist. Das Tempelhofer Feld ist das Gegenbeispiel: Jeder kann für sich den Raum beanspruchen, den er gerade braucht. Man kann auf der kilometerlangen, schnurgeraden Startbahn Kiten, Skaten, Spazieren und sogar mit geschlossenen Augen Fahrrad fahren, wenn man möchte. Das lässt sich nicht 1:1 auf den städtischen Kontext übertragen, aber man sieht zum Beispiel an Paris, wie man sich auf einen anderen Weg begibt. In Berlin gibt es gerade sehr viel Straßenbau – dabei wollen wir doch eigentlich das Gegenteil: entsiegeln und mehr Grünräume schaffen.

Der Freiraum wird in der Stadt also eigentlich zum Luxus… 

JK: Ja, und das ist viel mehr Wert als der kleine private Garten. Das deutsche Wunschbild vom Einfamilienhaus mit Parzelle ist ja immer noch weit verbreitet. Aber ist das wirklich das große Ziel? Habe ich als Familie in gemeinsamen öffentlichen Räumen nicht ganz andere Möglichkeiten? Dort hat man nicht nur mehr Fläche, sondern auch mehr Gemeinschaft: Kinder schließen sich zusammen, Familien treffen sich, vielleicht gibt es einen Fußball- und Basketballplatz und Orte, an denen ich in Ruhe Fahrrad fahren lernen kann. Mit Entscheidung für die Großstadt nimmt man eine gewisse Dichte in Kauf, es braucht aber auch Orte mit Freiräumen. Gerade Jugendliche sind eine Gruppe, die oft vergessen wird, obwohl das für die Persönlichkeitsentwicklung vier bis fünf wichtige Jahre sind. Pöbeln und Anecken im öffentlichen Raum ist ein ganz normaler Moment ihrer Entwicklung. Die Frage ist: Wie geht man damit um? Unser öffentlicher Raum ist ausgelegt auf Funktionalität und bietet darüber hinaus oft wenig – und dann besetzen Jugendliche eben Spielplätze oder Bushaltestellen. Es fehlt leider oft an geeigneten Orten für Jugendliche, in der Stadt wie auf dem Land. Und eigentlich wollen wir ja, dass sie nicht so viel Zeit am Handy, sondern draußen verbringen.

Das Theater in Illueca schafft durch Licht, Öffnungen und differenzierte Räume ein lebendiges kulturelles Zentrum.

Die Jugend liegt Ihnen am Herzen. Ist das auch der Grund warum sich die DETAIL die Nachwuchsförderung auf die Fahnen geschrieben hat und Sie beim Erich-Mendelsohn-Preis 2026 Mitglied der Newcomer- Jury sind? 

JK: Auszeichnungen wie der Erich-Mendelsohn-Preis schaffen positive Impulse für die nächste Generation. Das ist essenziell im Hinblick auf die Herausforderungen, vor der die ganze Branche steht. Und Studierende sind oft offener. Es gibt natürlich auch für sie Parameter, die sie beachten müssen, aber trotzdem sind sie befreiter von den Zwängen eines Berufslebens. Das Architekturbüro ist ein Unternehmen mit Kosten für Mitarbeitende, Miete etc. und muss Geld verdienen. Der Nachwuchs hat einen freieren Blick und die Möglichkeit, mutig zu sein. Das ist die Wirkungsmacht der jungen Generation, von der die etablierten Büros lernen und sich durch sie vielleicht an die Zeit zurückerinnern können, als sie selbst diese Leichtigkeit und Gelassenheit hatten. Ich finde als Jurymitglied den Überraschungseffekt der Einreichungen immer spannend und bin neugierig auf mutige, experimentelle Ideen und Ansätze. 

Gerade beim Newcomer-Award gibt es ja viele Einreichungen von Projekten, die nicht gebaut sind. Diese sollen nicht in der Schublade verschwinden, sondern gewürdigt werden. Und vielleicht schafft man es durch so einen Preis sogar, dass sich der Entwurf doch durchsetzt: Entweder es findet sich jemand, der es bauen möchte, oder es bestärkt ArchitektInnen, den Ansatz in ihrer Karriere weiterzuverfolgen. Und in der Newcomer-Jury hat niemand Vorwissen, es sind Projekte, die niemand aus der Jury schon kennt. Ich freue mich auf die Diskussionen.