Stille Reihe, Kapelle am Kappelberg
Wencke Deitermann und Valentin Giesser (Universität Stuttgart)
Ort der Stille: Kapelle am Kappelberg
Das turmartige von Rebflächen umrahmte Volumen beantwortet die Frage nach der Gestalt und dem Ausdruck eines sakralen Ortes in mehrfacher Weise. Als in der Landschaft weithin sichtbares Zeichen markiert es die Besonderheit des Ortes. Das Bauwerk liegt nicht beiläufig am Weg, sondern an einer eigens geschaffenen Treppe, die auch als Metapher lesbar ist. Dasselbe gilt für den stark überhöhten Innenraum nicht zuletzt dank des zenitalen Lichts eindrücklich inszeniert ist.
Rebstock an Rebstock, Reihe an Reihe, Riesling neben Sauvignon, neben Chardonnay, neben Lemberger. Die klare Struktur der vom Weinbau geprägten Landschaft zeichnet den Ort und gibt dem Berg seine Richtung vor – Die Richtung der Landschaft wie auch die der Wege. Quer zum Hang schlängeln sich die asphaltierten Wege, auf denen die Menschen zu Ihren Zielen gelangen. Mit dem Hang eröffnen sich schmale Gassen zwischen den Rebstöcken. In den Reihen gehen die Wengerter (schwäbisch) ihrer Arbeit nach – viel in Handarbeit. Alle anderthalb Meter bleiben sie am nächsten Rebstock stehen, Schneiden, Binden, Ernten. Sie gehen weiter und wiederholen ihre Arbeit. Repetitiv und kontemplativ. Das Bauwerk liegt nicht beiläufig am Weg, sondern an einer eigens geschaffenen Treppe, die auch als Metapher lesbar ist. Der Entwurf greift diese den Ort so stark prägende Thematik auf und führt die Besucherinnen den Weinberg hinauf. Oben am Berg steht ein kleiner, fast turmartiger, in sich gekehrter Baukörper. Durch eine schmale Öffnung betritt man den Ort der Stille. Ein Holzeinbau hängt über dem Vorraum, trägt die Glocke der Kapelle und gliedert den Innenraum. Über zwei Stufen gelangen die Besucher in das Kirchenschiff, das Ziegelgewölbe zeigt sich nun in Gänze. Den Abschluss des Raumes bildet die Apside, welche fast endlos dem Himmel entgegen ragt und Licht in den Raum bringt. Das Aufweiten der Apside, um eine Ziegelbreite, fasst das Licht der Apside stimmungsvoll ein.
Ein Glockenschlag ertönt und füllt den Raum hörbar und spürbar mit seinem Klang. Die Besucherin wird eins mit dem sakralen Raum, dem satten Klang und sich selbst. Der rote Ziegel geht im Lauf der Jahreszeiten ein Spiel mit der umgebenden Kulturlandschaft ein. Im Winter rundet das Rot der Kapelle das weiche Braun der kahlen Rebstöcke ab und schafft ein harmonisches Bild. Wenn das grün der Blätter im Frühjahr und Sommer kräftig strahlt setzt sich das komplementäre Rot stark in Szene. Im Herbst färbt sich das Laub in die verschiedensten Farbtöne, bis es in einem besonderen Moment mit der Kapelle eins wird, bevor es schließlich abfällt und das Spiel erneut seinen Lauf nimmt. Die Klarheit des Bauwerks spiegelt die Klarheit der Weinberge auch durch seine Konstruktion wieder. Das monolithische Mauerwerk und die notwendigen Stürze in Stahlbeton zeigen die Tektonik des Baus. Das Ziegelmauerwerk ist jedoch nicht nur konstruktives und gestalterisches Element. Der Ziegel selbst wird zum Objekt der Identifikation für Fellbacherinnen und Fellbacher. Bis zur Grundsteinlegung verkauft ein kleiner Marktstand auf dem örtlichen Wochenmarkt Ziegelsteine. Mit Gedanken, Erinnerungen, Wünschen und weiterem beschrieben, finden die Ziegelsteine dann ihren Weg zurück zum Bau der Kapelle und werden eingemauert. Wie eine große Zeitkapsel trägt das Bauwerk dann diese intimen Worte in sich.