Architektur als Einladung
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Die Bronze-Winner beim Newcomer-Award 2023 Anna Wimberger und Rosa Modersohn haben ihre Bachelorarbeit als DesignBuild-Projekt umgesetzt – inklusive Zeitplänen, Budgetfragen, Materialentscheidungen und Teamarbeit über Kontinente hinweg. Im Interview erzählen sie, wie die Forstfarm in Uganda ihr Verständnis von Praxis geprägt hat, warum ein Backstein heute als Erinnerung in ihrem Büro steht und wie sie direkt nach dem Studium den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt haben – in einer Branche, die noch immer stark männerdominiert ist.
Eure Bachelorarbeit war ein DesignBuild-Projekt. Was war eure Erfahrung damit?
Anna Wimberger (AW): DesignBuild-Projekte sind auf vielen Ebenen besonders und bereichernd. Es ist schon fast eine Haltung, eine eigene Art zu lehren. Das Architekturstudium kann oft sehr theoretisch sein und das ganze Drumherum kommt zu kurz. Zunächst lernt man die Grundlagen des Entwerfens und Konstruierens – viele überrascht im Praktikum oder in der Berufspraxis dann die Realität des Bauens. Für uns war das DesignBuild-Projekt die Grundlage für unsere Selbstständigkeit: Wir haben schon einmal miteinander gebaut und konnten uns so eine Vorstellung des ganzen Prozesses machen. Man lernt eben nicht nur das Entwerfen, sondern auch viel über Abläufe, Finanzen, Zeitpläne und damit einhergehende Herausforderungen.
Rosa Modersohn (RM): Man lernt aber auch viel über sich selbst: sich selbst zu strukturieren, zu organisieren, für sich und seine Ideen einzustehen, aber auch Kompromisse einzugehen – insbesondere die richtige Balance dazwischen zu finden. Was noch wichtiger ist: dass man lernt, sich zu engagieren, offen zu sein für neue Sichtweisen, neue Ideen und voneinander zu lernen. Es ist eine Art, nicht nur unter den Studierenden, sondern mit allen Projektbeteiligten global gemeinsam zu denken. Die Energie und Freude im Team hat uns damals motiviert, sehr viel Leidenschaft, Zeit und auch Energie in dieses Projekt zu stecken.
AW: DesignBuild-Projekte sind häufig unterschiedlich aufgebaut. 2018 wurde das Entwurfssemester „Forstfarm Uganda“ angeboten, welches dann gleichzeitig unsere Bachelorarbeit war. Nach und nach wurde von allen am Kurs teilnehmenden Studierenden der ausgewählte Entwurf weiterbearbeitet und auf Änderungswünsche angepasst. Das ganze Projekt läuft jetzt seit mehr als sieben Jahren: Die Grundzüge und ersten Bauphasen wurden noch an der TUM unter der Gastprofessur von Victoria von Gaudecker und bei Prof. Nagler am Lehrstuhl ausgeführt. Da auch Victoria der Austausch vor Ort von Anfang an ein wichtiges Anliegen war, erweiterte sich das Projektteam bald um das Team der Martins University in Uganda. Auch von dort sind mittlerweile viele Studierende beteiligt.
RM: Bei der Forstfarm waren wir ein kleiner Teil von einer riesigen Community und wir selbst nur die ersten Jahre, für die erste und zweite Bauphase, dabei. Das Projekt geht aktuell immer noch weiter: Die Hauptgebäude sind zwar fertig, aber es gibt immer wieder neue Ideen wie Möbel, ein Pavillon oder Außenanlagen. Andere Studierende machen das Projekt jetzt mit Victoria von Gaudecker weiter, die mittlerweile an der Hochschule in Augsburg lehrt.
Wie kam es, dass ihr direkt nach dem Studium gegründet habt?
AW: Schon während des Studiums etablierte sich der Gedanke und Wunsch danach, bis dann nach unserem Master die Anfrage aus unserem Bekanntenkreis kam, zusammen ein Einfamilienhaus umzubauen. Wir haben dann nicht lange darüber nachgedacht und es einfach gemacht. Wir haben gesagt: Lass es uns einfach probieren, was haben wir schon zu verlieren?
RM: Das DesignBuild-Projekt war die Grundlage dafür. Wir verstehen uns ohne Worte und ergänzen uns gut, das wussten wir. Wir haben uns auch bewusst beide für einen Master in München entschieden, um die Forstfarm weiter begleiten zu können, und dann auch zusammen die Masterarbeit geschrieben. Wir denken oft daran zurück, wie viel uns das Projekt gebracht hat und wie wertvoll es war, schon als Studierende an einem Projekt vom Startpunkt Null bis zur Umsetzung dabei zu sein. Der erste Backstein der Forstfarm liegt hier bei uns im Büro. Wir sehen ihn also jeden Tag – als Erinnerung an diese besondere Zeit und Erfahrung und das Projekt, aber auch als Erinnerung daran, was Architektur alles sein kann: so viel mehr als nur Häuser bauen – Freundschaften bauen, Gemeinschaft bauen, Zukunft bauen. Die Arbeit mit diesem Backstein wird für uns immer eine Art Grundstein sein. Und tatsächlich realisieren wir eines unserer Projekte auch gerade in Mauerwerksbauweise. Es begleitet uns also auf verschiedene Arten weiter.
Welche Unterschiede beim Bauen mit Backstein habt ihr in Uganda festgestellt?
RM: Wir haben für unser Projekt den sogenannten roadside brick verwendet, einen am Straßenrand gebrannten Lehmstein. Das ist schwer vergleichbar mit den ganzen Normen und Vorgaben hier in Deutschland. Man muss dazu sagen, dass es in Uganda ein großes Gefälle zwischen der Entwicklung von Stadt und Land gibt. In den Städten haben wir auch große Ziegelwerke gesehen, konnten diese aber nicht nutzen, da die Erschließung auf dem Land noch nicht gut genug ausgebaut war, um bis zum Baugrundstück nach Buhweju zu liefern.
AW: Backstein als Baustoff ist in Uganda jedenfalls unabdingbar. Mit Holz kann wegen der Termiten und des sehr tropischen Klimas kaum gebaut werden. Betonbauweise ist sehr teuer – teurer als Backstein. Daher ist der roadside brick recht üblich. Natürlich wird auch das Thema Nachhaltigkeit in Bezug auf die Materialien immer hinzugezogen: Der hohe Energiebedarf bei der Herstellung und endliche Ressourcen müssen immer abgewogen werden. Aber die Ausstrahlung des Backsteins hat etwas sehr Wertvolles, und daher in gewisser Weise auch etwas Nachhaltiges, weil es Permanenz und Beständigkeit darstellt. Als ein Beispiel von vielen kann das Ledigenheim von Theodor Fischer in München einen immer wieder mit der unglaublich schönen, selbstverständlichen Beständigkeit dieses Gebäudes ergreifen, wozu der Backstein maßgeblich beiträgt.
Architektur ist noch immer männerdominiert: Wie ist es, als zwei junge Frauen ein Büro zu gründen?
RM: Leider fällt das tatsächlich immer noch auf – auch wenn laut verschiedenen Statistiken mittlerweile mehr Frauen Architektur studieren. Gerade in der Selbstständigkeit begegnen uns häufiger männliche Kollegen. Es gibt sie aber auch, die Frauen in der Branche! Das hat uns auch wieder das tolle Format, „Frauen Bauen, München“ gezeigt, das von geschätzten Kolleginnen organisiert und ins Leben gerufen wurde. Aber man muss es sich auch nicht schönreden. Es geht auch nicht nur darum, dass vor allem die Führungspositionen sehr männerdominiert sind, auch mit jeglichen Fachplaner:innen, Unternehmer:innen und Beteiligten am Bau haben wir zumindest meistens mit Männern zu tun. Umso mehr Hoffnung macht es, wenn man dann bei einer Statik-Besprechung in einer kompletten Frauenrunde sitzt. Ich glaube, man muss es auch versuchen positiv zu sehen. Wir haben so viel motivierendes Feedback bekommen, was uns anspornt weiterzumachen.
AW: Als zwei Frauen in Führungspositionen gibt es noch mehr Themen, über die man nachdenken muss: Wenn wir an Familiengründung denken, müssen wir uns absprechen. Das sollte nicht gleichzeitig passieren. Bei einem Büro, das von zwei Männern geführt wird, wäre das wahrscheinlich eher irrelevant, oder nicht? Aber wir möchten das nicht als eine Hürde sehen, die uns davon abhält, das zu machen, was wir gerne machen möchten, sondern sehen diese Diskrepanz und versuchen, das positive Feedback und die Unterstützung zu nutzen, die uns von außen – vielleicht auch gerade weil wir zwei junge Frauen sind – gegeben wird.
Was sind Erfahrungen mit der Selbstständigkeit, die ihr mit anderen teilen wollt?
RM: Wir haben das große Glück, dass unsere Familien und viele Bekannte auch in der Architekturbranche tätig sind und wir sie immer nach Rat fragen können. Es gibt so viel, was man anfangs noch nicht weiß. Die Bayerische Architektenkammer zum Beispiel bietet ein Programm für Berufsanfänger:innen an, mit dem man auch vor der Eintragung als Architekt:in unter deren Obhut Projekte selbstständig bearbeiten kann. Das ist eine super Möglichkeit für angehende Architekt:innen.
AW: Gründung ist für jede:n Berufsanfänger:in mit etwas Arbeit verbunden: Man muss sich fragen, wie man mit den Themen Steuern, Buchhaltung und Rente umgeht. Wir haben uns schnell entschieden, mit einem Steuerberater und Buchhalter zusammenzuarbeiten, um uns auf die eigentliche Arbeit konzentrieren zu können. Das schätzen wir sehr.
RM: Unser Ziel ist es, eine gute Balance zu haben. Die Selbstständigkeit hat viele Unsicherheiten, deswegen haben wir uns bewusst entschieden, dass wir beide auch ein zweites Standbein haben. Anna arbeitet in der Stadtplanung der Stadt München und ich bin wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Akademie der Bildenden Künste München und habe einen Lehrauftrag an der OTH Regensburg.
AW: Unsere Tätigkeiten sind recht unterschiedlich, wodurch wir uns weiterhin ergänzen möchten. So eine Aufteilung kann viele Synergieeffekte erzeugen, die uns bei unseren Projekten in der Selbstständigkeit weiterbringen. Diese Vorgehensweise ist recht üblich: Viele Kolleg:innen sind in der Lehre tätig und nebenher selbstständig.
Welche Chance schafft aus eurer Sicht der Newcomer-Award für Studierende?
RM: Preise dieser Art motivieren unheimlich und helfen dabei, in seinem Tun Bestätigung zu finden, also dass das, was man macht, sinnvoll erscheint.
AW: Ganz abgesehen von dem damit einhergehenden Netzwerk, das entsteht und das einen Austausch untereinander ermöglicht.
Du hast auch im Studium mit Backstein geplant oder gebaut? Dann bewirb dich beim Newcomer-Award des Erich-Mendelsohn-Preises 2026 für Backstein-Architektur!
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